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Ein Artikel über Drogenabhängigkeit

Der Artikel von Johann HariThe Likely Cause of Addiction Has Been Discovered, and It Is Not What You Think – zeigt vermeintlich neue Aspekte der Drogenabhängigkeit. Mich interessiert das Thema sehr, weil ich z. B. von Anfang an mit dem Konsum von Alkohol nicht zurecht gekommen bin. Ich habe von Anfang zu viel konsumiert. Viel zu viel. Einige kennen es, die anderen wiederum nicht.

Man konsumiert so lange, bis man Aussetzer hat, sich eventuell die Seele aus dem Leib kotzt uns so weiter. Mir sind Dinge passiert, die mich eigentlich dazu befähigen würden, den zweiten Charles Bukowski zu geben. Allerdings war ich noch ein recht intelligenter Säufer. Ich habe mich immer vor dem ganz harten Alkoholismus bewahren können. (Ich unterscheide im Grad grad der Abhängigkeit und Sucht.) Dennoch hat es mir in meinem Leben sehr viele Dinge ruiniert und schwerer gemacht.

Diese Dinge sind aber nun seit über 6 Jahren vorbei. Ich bin mittlerweile extrem von den Wahrnehmungen überzeugt, die man auf diese Art nur nüchtern erleben kann. Dennoch gönne ich anderen ihren Spaß, ihre Ablenkung, was auch immer mit Alkohol oder auch Cannabis. Heroin und viele andere chemische Substanzen wiederum… Anderes Thema. Mich interessiert aber nun, warum gerade ich so anfällig für den Alkohol war. Warum gerade ich von Anfang an, nie genug haben konnte. Um dieses Thema geht es in dem Artikel.

Johann Hari beschreibt nach einer etwas trägen Einleitung Experimente mit Ratten. Es werden Ratten zwei Flüssigkeiten vorgesetzt: Eine versetzt mit Kokain, eine ohne. Der erste Versuch war ein Versuch mit Ratten, die nichts Besseres zu tun haben als die Drogen zu konsumieren. Diese gelangweilten, „traurigen“ Ratten haben das mit Kokain versetzte Wasser bis zum Tode konsumiert. Ein Professor Alexander ist dann auf die Idee gekommen, den Versuch völlig anders aufzubauen:
Hat man namlich dann aber Ratten genommen und beobachtet, die eine angenehme Umgebung mit Rattenfreunden und einem „Unterhaltungsprogramm“ hatten, haben die Ratten das kokainversetzte Wasser eher verschmäht.

Da ich meine Kindheit mit dem Leben einer gelangweilten, traurigen Ratte ohne sozialen Umgang – ohne Liebe – vergleichen kann, ziehe ich meine ersten Parallelen.

The rats with good lives didn’t like the drugged water. They mostly shunned it, consuming less than a quarter of the drugs the isolated rats used. None of them died. While all the rats who were alone and unhappy became heavy users, none of the rats who had a happy environment did.

Die Ratten mit dem guten Leben mochten das drogenversetzte Wasser also nicht und haben es gemieden. Sie haben weniger als ein Viertel der einsamen, isolierten Ratten konsumiert. Keine der Ratten mit dem „guten Leben“ starb. Die unglücklichen, einsamen Ratten aber verstarben alle.

Ob ich nun eine einsame, unglückliche Ratte war?
Bestimmt.

Ob der Alkohol mich zu einer glücklicheren, weniger einsamen Ratte gemacht hat?
Bestimmt nicht.

Johann Hari vergleicht die Situation der unglücklichen Ratten mit der Situation der Soldaten in Vietnam. In Vietnam war laut einer Studie der Konsum von Heroin unter den Soldaten wohl so normal wie das Kauen eines Kaugummis. Er schreibt, dass ca. 20 % der Soldaten dort abhängig geworden ist. Jetzt aber kommt das Verwunderliche, was gegen viele Theorien bezüglich der Abhängikeit von Heroin spricht: Laut derselben Studie haben 95% der abhängigen Soldaten einfach damit aufgehört Heroin zu Konsumieren.

Professor Alexander, der Herr der glücklichen Ratten, kommt zu dem Schluss, dass Abhängigkeit von Drogen zumeist nicht an einem selbst, sondern an der Umgebung liegt, in der Mann lebt. Ich gehe allerdings davon aus, dass der Mensch unterschiedliche Sensibilitäten aufweist – der eine ist zu sensibel für seine Umgebung, der andere steckt es besser weg. Die meisten Drogenabhängigen, die ich kennengelernt habe und von denen eine Menge verstorben sind, waren allesamt auf ihre eigene Art und Weise sehr bzw. übersensibel.

Um seine These zu beweisen ging Professor Alexander dann einen Schritt weiter. Er hat zunächst Ratten in einer unglücklichen, einsamen Umgebung belassen und hat sie dann, nachdem sie eine Abhängigkeit entwickelt haben, aus dieser unglücklichen Situation herausgenommen und zu glücklichen Ratten gesteckt. Was passierte nun? Die Ratten hatten zunächst die gewöhnlichen Entzugserscheinungen sind dann aber zu einem völlig normalen Leben zurückgekehrt.

Ich gehe davon aus, dass dies beim Menschen nicht so einfach passiert. Der Mensch neigt dazu sehr lange unter traumatischen Erlebnissen – was schon ein Liebesentzug neben den üblich genannten Gewalterfahrungen sein kann – zu leiden. Es wird beim Menschen nicht reichen, ihn einfach ins Spieleland zu stecken. Vielleicht geben die Ratten aber einen Hinweis für die wirklichen Ursachen der Sucht und der Abhängigkeit.

Dann allerdings vergleicht diese Erkenntnisse mit der medizinischen Verabreichung von Diamorphin. Das ist nichts anderes als Heroin. Soweit ich allerdings weiß, wir im Gegensatz zu den Aussagen des Autors – zumindest in Deutschland – Heroin nicht zu Scherztherapie eingesetzt.

Aus der Wikipedia:

Mit dem Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung (Diamorphin-Gesetz) wurde Diamorphin im Juli 2009 ein verschreibungsfähiges Betäubungsmittel, das unter staatlicher Aufsicht in Einrichtungen, die eine entsprechende Erlaubnis besitzen, an Schwerstabhängige abgegeben werden kann. Der verschreibende Arzt muss suchttherapeutisch qualifiziert sein, die Betroffenen müssen mindestens 23 Jahre alt, seit mindestens fünf Jahren opiatabhängig sein und mindestens zwei erfolglose Therapien nachweisen. Durch das Gesetz wurden das Betäubungsmittelgesetz, die Betäubungsmittelverschreibungsverordnung und das Arzneimittelgesetz entsprechend geändert.

Daher kann ich ihm bei einigen Ausführungen nicht folgen.

Er kommt zu den folgenden Aussagen:

If you still believe — as I used to — that addiction is caused by chemical hooks, this makes no sense. But if you believe Bruce Alexander’s theory, the picture falls into place. The street-addict is like the rats in the first cage, isolated, alone, with only one source of solace to turn to. The medical patient is like the rats in the second cage. She is going home to a life where she is surrounded by the people she loves. The drug is the same, but the environment is different.

Wenn man daran glaubt, dass eine Abhängigkeit durch chemische Ursachen (im Hirn) verursacht sein, sei dies falsch. Wenn man den Aussagen von Bruce Alexander glaubt, fielen diese Dinge allesamt über den Haufen. Der Abhängige von der Straße ist wie eine Ratte aus dem ersten Versuch: Die Ratte ist unglücklich und einsam. Sie konsumiert Drogen. Der Patient – hier kommt die Verabreichung von Diamorphin wieder zur Sprache – aber, ist eher mit der Ratte aus dem Käfig mit den glücklichen Ratten zu vergleichen. Die Ratte schwört den Drogen wieder ab, wenn sie in ihrer gesunden Umgebung ist.

So the opposite of addiction is not sobriety. It is human connection.

Er stellt also fest, dass das Gegenteil von Abhängigkeit nicht Abstinenz und Nüchternheit ist, sondern menschliche Vernetzung.

Ich finde, der Text reduziert vieles auf einige wenige Menschen, auf die so etwas zutrifft. Es gibt aber noch die Menschen, die von Zigaretten oder sich einbilden von Kaffee abhängig zu sein. Ich glaube der Mensch ist etwas vielschichtiger als eine Ratte. Es gibt ja auch dieses Belohnungssystem im Kopf. Drogen sprechen dieses Belohnungssystem garantiert oftmals an und befördern ein Glücksgefühl. Ich denke daher, dass der Mensch nicht so einfach mit Ratten zu vergleichen ist, die sich auch weniger mit Traumata und anderen psychischen Problemen des Menschen herumschlagen müssen.

Johann Hari kommt dann auf Portugal zu sprechen. Die Situation in Portugal kenne ich nicht. Der Autor schreibt aber, dass in Portugal die Gelder für die Drogenverfolgung in eine Sozialisierung von Drogenabhängigen gesteckt worden ist. Ich habe in seinem Text keine konkreten Ergebnisse von Portugal gefunden und sie auch noch nicht recherchiert. Seine Aussage aber, dass eine Entkriminalisierung des Drogenkonsums, dazu führt, dass die Drogenrate um 50 % fällt, halte ich für nicht haltbar.

Eine Entkriminaliserung hat nicht zur Folge, dass auf einmal 50 % der Ratten, glückliche Ratten sind und keine Drogen mehr konsumieren wollen.

Er folgert dann auch hippiemäßig:

This isn’t only relevant to the addicts I love. It is relevant to all of us, because it forces us to think differently about ourselves. Human beings are bonding animals. We need to connect and love.

Es sei nicht nur relevant für die Drogenabhängigen, es sei relevant für uns alle, weil es uns zwingt über uns selbst anders zu denken. Menschliche Lebewesen sind verkappte Tiere. Wir müssen uns vernetzen und lieben.

Ich selbst sehe es nicht so einfach. Der Mensch ist – wie schon gesagt – eine komlexere, vielschichtigere Gestalt als eine Ratte. Ein Mensch hat ein viel komplexeres Seelen- und Gefühlsleben. Was ich allerdings tatsächlich glaube, ist es, dass man vielen Drogenabhängigen aus ihrem Tal der Abhängigkeit helfen kann, indem man sie sozial einbindet und mit Menschlichkeit versorgt. Das sind aber keine neuen Erkenntnisse.

Dennoch schadet es nicht, wenn wir hin und wieder einmal zum Nachbarn schauen, wie es ihm geht. 😉

Lest den Artikel, vielleicht findet ihr ja ein wenig zur Liebe. 😀

 

2 Gedanken zu „Ein Artikel über Drogenabhängigkeit

    1. Erin Pizzey, die große alte Dame rund um A Voice For Men, hat diesen Link ganz begeistert bei Facebook verbreitet.

      Ich kann ihre Begeisterung da tatsächlich nicht so teilen. Auch wenn sich viele Menschen schlimmer als Ratten verhalten, heißt das tatsächlich nicht, dass wir nicht komplexer sind. 😉

      Mir tut ein Vergleich mit Ratten nicht weh, aber er sollte dann auch nicht so schlicht sein.

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