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HSP (hypersensitiv) oder einfach nur dauerhaft übermüdet?

Gefangen
crop person with amazed eye in sunlight

Ich habe mich lange Zeit für eine HSP (highly sensitive person) gehalten.
So langsam zweifele ich da glücklicherweise daran.

„Glücklicherweise“, weil ich es immer als Behinderung im täglichen Leben empfunden habe. Ich war nie stolz darauf „etwas Besonderes“ zu sein, weil ich es ohnehin bin. (Damit bin ich nicht allein, viele sind besonders. Wie auch immer. 😉 )

Wie kommt es zu diesem Wandel? Bevor ich das erzähle, erst einmal kurz zur HSP an sich.

Was ist eine HSP und warum zweifele ich auf einmal daran, eine HSP zu sein?

Eine HSP ist für mich ganz einfach erklärt eine Person, die mit Sinneseindrücken in bestimmten Situationen und auf den gesamten Tag gesehen, überfordert ist.

Auf der Seite Highly Sensitive Person wird dies gut abgefragt:

  • Are you easily overwhelmed by such things as bright lights, strong smells, coarse fabrics, or sirens nearby?
    (Bist Du leicht von hellen Lichtern, starken Gerüchen, groben Stoffen oder Sirenen in der Nähe überwältigt?)
  • Do you get rattled when you have a lot to do in a short amount of time?
    (Bist Du verunsichert, wenn Du in kurzer Zeit viel zu tun hast?)
  • Do you make a point of avoiding violent movies and and TV shows?
    (Vermeidest Du gewalttätige Filme und Fernsehsendungen?)
  • (…)

Im täglichen Leben war es so, dass ich z. B. Läden wie den Media Markt o. ä. verlassen musste, wenn dort eine für mich unerträgliche Musik lief. Ich musste den Laden verlassen, weil ich es nicht ausgehalten habe.
Oder ich bin an Parfümerien vorbeigehetzt, weil der Geruch für mich unerträglich war.

Viel zu tun war bei mir nicht das Problem: Es wurde für mich problematisch, wenn ich unterbrochen und mit „Zwischendurchaufträgen“ bedacht wurde. Dann konnte ich „Wahnsinnig werden“.

Und das mit den gewalttätigen Filmen, Serien oder auch Artikel über Gewalt, die zu sehr ins Detail gingen, habe ich darauf geschoben, dass ich seit langer Zeit alleinerziehend bin und meinen Sohn damit aus Unachtsamtkeit nicht konfrontieren wollte.

Warum es eine Behinderung für mich war (noch ist?)

Einen Laden verlassen zu müssen, obwohl man eigentlich etwas kaufen möchte/müsste, ist eine Behinderung.

Zudem erscheint man den Menschen verwunderlich, wenn man das Atmen einstellt und schnell an einer Parfümerie vorbeihetzt.

Ich war auch dazu gezwungen, den ganzen Tag mit Musik auf den Ohren durch die Gegend zu laufen. Auch auf der Arbeit.

Die Musik musste „meine“ Musik sein. Zumeist Heavy Metal (Symphonic Black | Death Metal, Avant-garde Metal, Grindcore, Celtic Punk oder aber Barbara…). Wenn die Musik stimmt, ist es so, als würde ich in der absoluten Stille sitzen. Ruhe, um mich konzentrieren zu können.

Warum ich mich nun fast normal fühle

Angefangen hat das mit dem „HSP-Sein“, als ich aufgehört habe zu saufen. Ich nehme mittlerweile an, dass ich zum größten Teil gesoffen habe, um die Sinneseindrücke zu betäuben. Das ist mir ganz gut gelungen.

Leider habe ich damit aber oft Verstand und Benehmen betäubt. Mein Sohn ist zum Glück mit einem Vater aufgewachsen, der zwar nachhaltig bekloppt ist, aber wenigstens sämtliche Drogen ablehnt. (Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich anderen Leuten ihr Bier nicht gönne. Ich finde es manchmal schade, dass ich ablehne/ablehnen muss. Aber das ist gut so.)

Warum ich aber nun meine keine HSP zu sein:

Ich habe jahrzehntelang neben dem Trinken unter massiven Schlafproblemen gelitten. Diese habe ich nun endlich in Angriff genommen und sie mit Hilfe einer Neurologin einigermaßen in den Griff bekommen.

Ich schlucke momentan zwei Medikament am Abend: Eins gegen das zusätzlich Restless Legs Syndrom und eins um meinem Kopf mitzuteilen, dass es ans Schlafen geht. Leider unterbricht der Restless Legs-Kram meinen Schlaf nach einigen Stunden, aber ich kann ohne Probleme einschlafen. Ich komme also auf eine gute Dosis „Grundschlaf“. (Wir sind gerade dabei, die Medikamentierung einzustellen.)

Daher:

Ich bin momentan nicht mehr dauerübermüdet. Ich schlafe nicht mehr am Rechner ein und habe auch mehr Energie für den Tag.

Damit sind sämtliche Symptome, die einen zu einer HSP machen, abgeschwächt worden. Das soll heißen: Grundsätzlich habe ich die Unverträglichkeiten was Geräusche, Musik, Gerüche etc. angeht noch.

Sie sind aber erträglicher. Ich habe mich von meiner „Leidensfähigkeit“ dem „normalen“ Menschen angenähert.

Als Test habe ich nun zwei Wochen auf der Arbeit ohne Musik verbracht. Das Ergebnis war, dass mich dies überhaupt nicht beeindruckt hat. Früher wäre es für mich eine Unmöglichkeit gewesen, dies durchzuhalten.

Jetzt ist es fast schon zur Normalität geworden.

Fazit:

Ich denke, dass ich nach wie vor eine recht empfindliche Person bin, was unterschiedliche Sinneswahrnehmungen anbelangt. Aber… …ich habe mich in derart dem Durchschnittsmenschen angenähert, dass ich meine noch vorhandenen Restempfindlichkeiten nicht mehr als außergewöhnlich bezeichnen würde.

Politische Themen gehen mir zwar nicht am Hinterteil vorbei, die Welt geht aber auch nicht fünfmal am Tag unter. Damit geht aber die Erkenntnis für mich einher, dass HSPs wichtig für diese Welt sind, weil sie vieles intensiver erleben und wahrnehmen. Wenn sie diese Eindrücke dann sinnvoll für die Gesellschaft umwandeln können, dann kann das Gesellschaft weiterbringen.

Problematisch dabei ist, das die Wahrnehmung einer HSP nicht unbedingt für den Normalsterblichen nachvollziehbar ist. Bei mir war es so, dass ich politische Zustände „gefressen“ und kommentiert habe. Einige waren mit mir überfordert, wie ich mit meiner Umwelt z. T. überfordert war.

Wie dem auch sei:

Weil ich meine Schlafstörungen in den Griff bekommen habe, hat mein Tag mehr Stunden für mich bereit. Ich muss mich nicht mehr von den Eindrücken des Tages erholen, ich liege nicht mehr soooo lange wach im Bett und versuche zu schlafen.

(Früher musste ich 8 Stunden im Bett liegen, um auf maximal 3×1.5 Stunden Schlaf zu kommen, die Schlafperioden wurden immer kürzer.)

Ich fühle mich jetzt nicht mehr ganz so, als sei ich von Mittelerde.

Zu anderen HSPs: Ich habe andere HSPs kennengelernt, die sich für „supersensibel hoch zwei“ gehalten haben. Oftmals waren sie es nicht. (Eine HSP hat mich z. B. immer mit einem Namen angesprochen, mit dem ich nicht angesprochen werden wollte: („Für mich fühlt sich das aber richtig an, daher nenne ich dich so!“)

Viele HSPs, die ich kennengelernt habe, wollten damit ihre Besonderheit hervorheben. Für mich diente der „Status“ als Schutz davor, überlastet zu werden/sein. Ich hoffe, dass ich diesen Schutz nie wieder benötige.

Ich habe diesen Text mal wieder unsystematisch heruntergetippt. Ich hoffe, dem ein oder anderen hilft er, zu schauen, ob es nicht andere Ursachen für sein HSP-dasein gibt. Ich möchte am Ende betonen, dass ich nicht an dem Phänomen HSP zweifele.

Ein Gedanke zu „HSP (hypersensitiv) oder einfach nur dauerhaft übermüdet?

  1. Freut mich, daß Sie inzwischen etwas besser schlafen können und die Überempfindlichkeit dadurch weggeht. Was die Flucht vor zuviel Parfumgestänken angeht: ich glaube, das ist normal, ich muß mich da auch immer überwinden, diese Barriere zu durchschreiten.

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