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Rezension:
Gunnar Kunz – Verwundbar sind wir und ungestüm

Ich beschäftige mich nun schon einige Zeit mit allen möglichen Dingen rund um das Geschlechterthema und bekomme daher auch immer wieder alle möglichen Zahlen und Statistiken zu vielen Themen (z. B. Gender Pay Gap, häusliche Gewalt) zu sehen. Es sind oftmals die immer wieder gleichen Zahlen, die von Feministen und der Presse entweder gar nicht oder verzerrt dargestellt werden. Irgendwann kann man die ganzen Zahlen nicht mehr sehen. Sie sind – z. B. im Falle der häuslichen Gewalt – auch zu abstrakt, als dass man die Schicksale dahinter spüren könnte.

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Daher war ich sehr froh, dass Gunnar Kunz ein Buch veröffentlicht hat, das eben genau dies leistet: Es zeigt Schicksale und auch die Gefühle von Männern, die in einer mittlerweile sehr  feindlichen Welt zurechtkommen müssen. Es geht nicht um nackte Zahlen, Daten, Fakten, es geht um den Menschen, es geht um den Mann als Menschen mit Gefühl.

Der Autor schafft es auf eine sehr gute Art zu vermitteln, dass der Mann eben nicht das testosterongesteuerte Wesen ist, als das er dargestellt wird. (Dass ich die Geschichten rund um das Testosteron mittlerweile sehr bezweifle, habe ich z. B. hier anhand meiner eigenen Testosteronwerte beschrieben.) Er zeigt, dass das gezeichnete Bild in der Gesellschaft die emotionale Seite des Mannes und die Ungerechtigkeiten, die man stellenweise schon als Boshaftigkeit bezeichnen kann, völlig vernachlässigt.

Gunnar Kunz spricht die unterschiedlichen Themen der heutigen Zeit an, die einen Mann belasten können. Er schreibt über die Beschneidungsproblematik bei Jungs, über die häusliche Gewalt, er spricht das Thema PAS (Parental Alienation Syndrome) – die Eltern-Kind-Entfremdung – und einige Dinge mehr an.

Ich habe mich selbst direkt in der ersten Kurzgeschichte des Buches („Barfuß über Scherben“) wiedergefunden. Es wird geschildert, wie ein Mann ganz plötzlich vor dem Scherbenhaufen seiner Beziehung steht und aus heiterem Himmel von seiner Frau mit seinen Kindern verlassen worden ist. Die Geschichte – in der es indirekt auch um das PAS geht – handelt von Kindesentzug, finanziellen Nöten des Mannes durch Zahlungsverpflichtungen, die Rolle von Jugendämtern und Gerichten in Fällen einer Trennung und natürlich ganz konkret um das damit für den Mann und die Kinder verbundene Leid, das durch genannte Behörden oftmals noch verstärkt wird.

Mir ist es eiskalt den Rücken heruntergelaufen, weil ich die geschilderten Erfahrungen in ähnlicher Form gemacht habe. Beim Lesen erschien es mir so, als hätte ich mich mit dem Autor unterhalten und er hat Teile meiner Erfahrungen in seine Geschichte gepackt. Dem ist aber nicht so. Der Autor hat vor seinem Buch mit vielen Männern gesprochen und deren Erfahrungen, die sich offenbar sehr stark mit meinen decken, sind in das Buch eingeflossen. Eben dies macht das Buch so authentisch.

Die Frau der Geschichte wird auch keineswegs als das Böse dargestellt. Gunnar Kunz vermeidet dies durch einen geschickten Perspektivenwechsel und die Schilderung einer Gesellschaft, in der Frauen in Trennungssituationen von vielen Seiten Bestätigungen und Tipps für ihr Verhalten bekommen. Auch die Kinder kommen regelmäßig zu Wort. Wir Erwachsenen neigen – im Gegensatz zum Autor – oftmals gerade das Ergehen der Kinder zu vernachlässigen.

Gut, mich hat die erste Geschichte schon schwer beeindruckt und ich möchte jetzt auch nicht zu viel verraten, obwohl ich befürchte, dass ich das schon getan habe.

An einer Stelle fühlte ich mich plötzlich in meinen „double standards“ erwischt. Teil des Buches ist u. a. auch ein Liedtext, der sich auf das Lied Männer sind Schweine von Die Ärzte bezieht. Der Titel dieses Liedes lautet im Buch dann auch folgerichtig „Frauen sind Säue„. Bei diesem Titel bin ich irgendwie direkt zusammengezuckt. „Sowas kann man doch nicht über Frauen sagen!“ Dass solche Dinge aber völlig unproblematisch über Männer geäußert wird, es schon Kinder im Kindergarten singen und ständig im Radio laufen, wurde mir dann bewusst. Der Autor hat mich voll erwischt. Mission erfüllt.

Weiter geht es auch um ein Thema das mich auch wieder persönlich angeht: Die Beschneidung von Jungs. Ich bin ja nun auch beschnitten und ich habe auch bereits mehrfach über dieses Thema hier geschrieben (meine Artikel hier zum Thema). Meine Beschneidung liegt zum Glück so lange hinter mir, dass ich keinerlei Erinnerung mehr daran habe. Nachdem ich die Geschichte im Buch gelesen habe, kann ich froh sein, auch wenn ich wohl nicht solche geschilderten „Begleitumstände“ hatte. Dafür habe ich aber jetzt im Erwachsenenalter mit den negativen Nachwirkungen bezüglich meiner Sexualität zu tun. Gunnar Kunz spricht in seiner Thematisierung der Beschneidung auch vor allem gesundheitliche und psychische Risiken an.

Weiter geht es u. a. um Filme, auf die man als humanistischer Mensch „gerne verzichtet hätte“, da sie allesamt ein negatives Bild des Mannes und den Umgang mit ihm zeichnen. Er nennt u. a. Klassiker und Kassenerfolge wie Terminator 2, Sugarland Express und Die Fremde in Dir. Zu jedem Film gibt er eine kurze Zusammenfassung, was kritisch an diesen Filmen zu sehen ist und welches Bild sie vermitteln. Auch hier musste ich feststellen, dass mir viele Dinge beim Sehen gar nicht aufgefallen sind. Dies ist gerade bei Terminator 2 der Fall. Guns n’Roses haben damals ihr Lied You could be mine zum Soundtrack beigesteuert. Daher ist gerade dieser Film wohl aus anderen Gründen in meinem Gedächtnis geblieben. Nach der Lektüre des Buches sehe ich den Film nun mit anderen Augen.

Es kommen auch andere Dinge wie Alg II, Ausländerfeindlichkeit  und sogar als Gegenpol zur Zwangsheirat (bei der immer nur die Frau die Zwangsverheiratete ist) den Importbräutigam zur Sprache, der nach Deutschland kommt, weil er zwangsverheiratet worden ist, was den sozialen Gesamtanspruch des Buches verdeutlicht. Es ist kein Buch, das die Geschlechter gegeneinander aufwiegeln soll. Es ist ein Buch, das soziale Missstände anspricht und das zum Nachdenken anregen soll. Es ist ein Buch, das in einer sehr empfindsamen Art durchgängig vom Humanismus geleitet wird.

Das Buch ist immer einfühlsam und nie pathetisch, verbittert oder mit Schuldzuweisungen geschrieben. Es zeichnet neben dem PAS und Fragen über das Zusammenleben, ein realistisches Bild über den Umgang der Gesellschaft mit Männlichkeit. Männlichkeit ist mittlerweile extrem negativ geprägt (und schon unsere Kinder wachsen mit diesem Bild auf). Auch wenn der Mann das Thema des Buches ist, ist das Hauptanliegen das friedliche Miteinander in der Gesellschaft. Das Buch kommt in seinen Geschichten ohne Verbitterung und Pathos aus. Es zeichnet Bilder, die war tagtäglich in der Gesellschaft sehen können – wenn wir es denn wollen oder können.

Alles in allem ist es ein Buch, das gerade Frauen mindestens einmal lesen sollten, wenn sie dem Mann – das „testosterongesteuerte Wesen“ – auf einer anderen Ebene begegnen wollen. Der Mann ist ein emotionales Wesen, was sich vielgestaltig äußert. Gunnar Kunz macht dies durch sein Buch wunderbar deutlich. Es ist ein hervorragendes Buch zur Geschlechterverständigung.

Kauft es, lasst es Euch schenken, verschenkt es – aber lest es. Es lohnt sich.

 

 

8 Gedanken zu „Rezension:
Gunnar Kunz – Verwundbar sind wir und ungestüm

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