Allgemein

Hochsensibilität – Segen oder Fluch?

Böse Augen - Bashing

Hochsensibiliät in der Wikipedia.

HSP ist inflationär unter den Menschen geworden. Es ist ähnlich wie die Hochbegabung oder ADHS – auf einmal ist jeder dritte davon betroffen. Oftmals kommt es mir vor, wie eine Modeerscheinung. Ähnliche Phänomene gab es bei der Bisexualität – es gab eine Zeit in der auf einmal viele Bisexuell (gerade Frauen) waren – und bei Borderline.

Erzählt mir jemand von seiner Hochbegabung, ohne danach gefragt zu werden, komme ich ins Zweifeln. Es kommt mir so vor, als möchte man sich über andere erheben. Hat ein Hochbegabter überhaupt eine solche Anwandlung? Ich verlaufe mich gerade wieder. Eigentlich wollte ich doch über meine HSP-Symptome sprechen.

Meine HSP-Symptome

Ich möchte nur auf zwei Symptome eingehen. Das ist meine Geräuschempfindlichkeit und meine Geruchsempfindlichkeit. Klassisch ist bei mir die Abneigung gegenüber tickenden Uhren und allen Geräuschen, die sich wiederholen. Die Uhr hat allerdings den Vorteil, dass ich den Zyklus nicht erkunden muss. Bei einem Wassertropfen sieht es schon anders aus. Ein stetiges Wassertropfen zwingt mich dazu, diesen Zyklus zu erkunden. Ich kann es nicht ausblenden.

Will mein Sohn mich auf die Palme bringen, setzt er sich einfach neben mich und schnalzt drei oder viermal mit kurzem Abstand mit der Zunge. Schon bin ich aus allem raus und gequält. Da mich diese Dinge absehbar und regelmäßig quälen, verschaffe ich mir Ruhe vor diesem Symptom, indem ich nahezu den ganzen Tag Musik auf den Ohren habe. Wenn es Musik ist, die ich schätze, ist sie im Idealfall bei allem was ich tue ausgeblendet. Ich habe einen Zustand, der für andere der Zustand der Ruhe ist.

Es gibt keine Ruhe

Ruhe gibt es eigentlich für mich nicht. Es gibt immer immer etwas zu hören. Es sei denn, man ist in einem Raum, der künstlich abgedämpft ist. Ein solcher Raum ist für mich ebenso unerträglich, wie ein Zustand der „normalen Ruhe“. Während der normalen Ruhe lauere ich mich auf Geräusche der Umgebung. Es gibt immer etwas zu hören, den Ton zu lokalisieren und wie schon oben erwähnt: einen Zyklus zu suchen. Das ist anstrengend.

Noch anstrengender allerdings ist es, wenn ich beispielsweise U-Bahn ohne Musik im Ohr fahre. Die Räder machen beim Anfahren andere Geräusche als beim Anhalten. Die Bremsen und die Bremsgeräusche der Räder überlagern sich. Das bedeutet mindestens zwei unterschiedliche Soundschichten. U-Bahnen werden von Menschen befahren: links hört jemand über sein Schlaufon Musik, gegenüber unterhalten sich zwei Menschen, rechts knistert jemand mit Butterbrotpapier oder isst sein Butterbrot – das alles sind weitere Soundschichten, denen ich allen lausche. Dass hierzu noch weitere Wahrnehmungseindrücke hinzukommen, vernachlässige ich hier.

Reizüberflutung

Alleine die auditiven Eindrücke des Tages führen dazu, dass ich rech früh am Abend reizüberflutet bin. Diese Reizüberflutung konnte ich früher durch Alkoholkonsum ausblenden, es kam nicht dazu. Dass eine Beträubung der Wahrnehmung durch Alkohol keine Dauerlösung sein kann, liegt auf der Hand. Ich habe mir 20 Jahre meine Wahrnehmung betäubt. Als ich als vernunftbegabter Mensch den Alkoholkonsum abrupt abgebrochen habe, setzte die Reizüberflutung ein. (Zum Alkoholentzug kam ein weiteres Problem. ;))

Die Reizüberflutung beeinflusst mich ständig. Es gibt Geschäfte, die muss ich unmittelbar verlassen, wenn ich keine Musik auf den Ohren habe und die Hintergrundmusik im Laden ist für mich unerträglich. Es ist für mich nicht auszublenden. Hier greifen auch Gerüche in mein Leben ein. Das Phänomen der unerträglichen Parfümerie kennt jeder. Bei mir kommt mittlerweile der Ekel vor Fleischgerüchen hinzu. Metzgereien sind für mich unerträglich. Da reicht der Geruch.

Geruch vs. Geräusch

Geruch und Geräusch stehen stehen im Wettstreit miteinander, wobei ich beim Geruch weniger sensibel auf angenehme Gerüche reagiere als beim Geräusch auf angenehme Geräusche. Meiner Überempfindlichkeit gegen über Geräuschen und Musik kann ich sogar etwas abgewinnen: Ich höre Melodien in Musik, die für andere Leute Krach darstellen. Hier greifen auch wieder diese zwiebelartigen Soundschichten.

Gerüche – hier ist es mir am liebsten, wenn nichts zu riechen ist. Ich glaube auch nicht, dass ich überdurchschnittlich gut riechen kann. Ich denke, mich quälen Gerüchen einfach nur schneller. Meine angenehmsten Beziehungen waren mit Frauen, die extrem dezent Düfte aufgetragen haben. Es gab vor laaaaaanger Zeit einmal den Duft Poison für Frauen. Dieser wäre für mich nach meiner Alkoholphase nicht zu ertragen.

HSP im Arbeitsalltag

Durch meine Geräuschempfindlichkeit sind für mich Großraumbüros keine Option, wenn ich mich nicht mit Musik abschotten kann. Telefonaten von Kollegen in einer anderen Ecke des Raumes muss ich lauschen. Ob es unhöflich ist oder nicht: Es ist ein Zwang. Dies trifft auf sämtliche Gespräche zu. …oder das Tippen auf einer Tastatur. Für mich ist Einzelhaft am Arbeitsplatz am einfachsten zu ertragen.

Die letzte Zeit hatte ich wieder das Vergnügen eines Großraumbüros. In diesem Großraumbüro konnte ich mich allerdings akustisch von meiner Außenwelt einigermaßen abkoppeln: Ich konnte die ganze Zeit Musik hören.

Unerträglich waren allerdings zwei Kollegen bei denen wiederum meine Empfindlichkeit auf Gerüche greifen konnte. „Gleichgestellt“ waren es ein Mann und eine Frau, die mich durch ihr aufgetragenes Parfüm an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. (Gut, ich hoffe, der Wahnsinn ist doch noch etwas weiter von mir entfernt.) Ich musste den Arbeitsplatz verlassen. Es ging nicht. Ich schätze, die meisten kennen dieses Phänomen von der alten 4711 auftragenden alten Dame, die neben einem in Bus oder Bahn sitzt oder vor einem in der Stadt läuft, an der Kasse steht etc.

Gerade dies ist mir heute erneut passiert. Wenn mir solche Dinge passieren, werde ich mir meiner zusätzlichen eingeschränkt bewusst. In solchen Momentan fühle ich mich tatsächlich behindert. Dann frage ich mich, warum so viele Leute immer so von ihrer HSP schwärmen. Ich bin schon optisch ein Freak. Diese Überempfindlichkeit macht mich noch mehr zum Freak.

Wenn ich allerdings über andere Besonderheiten in mir nachdenke, schließe ich wieder meinen Frieden mit der HSP. Darüber aber an anderer Stelle mehr. Mir ging es darum, dass das Leben als HSP oftmals eben kein Sonnenschein ist. (Auch wenn ich meine Wahrnehmung von Musik niemals abgeben würde.)

Demnächst über positive Dinge der HSP.

 

 

 

2 Gedanken zu „Hochsensibilität – Segen oder Fluch?

  1. Ach, ich weiß zu gut, von was Sie schreiben. Diese Psychomoden, die vor allem eine Selbstviktimisierung bedeuten, wechseln manche Freaks wie die Hemden; es ist ja so schön, ein Opfer zu sein. Manche dieser irrsinnigen Moden sind Plagen, wie die Hexenverfolgung, die ja auch einen kollektiven Irrsinn in deutschen, vor allen lutherischen Landen bedingten. Schlimm war zum Beispiel die Kreation der multiplen Persönlichkeit in den 80er Jahren, die durch die Theraputin Wilbur und der Autorin Schreiber mit dem Roman Sybil kolportiert wurde; entstanden aus einem lange und gründlich verabredeter Betrug, der letztlich auf fruchtbaren Boden fiel.

    Von da an gab es in westlichen Ländern abertausende von multiplen Persönlichkeiten, durch die gleichzeitig ein sexueller Missbrauch in ihrer Kindheit belegt wurde. Entsprechend wurden tausende Familien durch Falschbeschuldigungen der „Opfer“, denen ihre Therapeuten multiple Persönlichkeiten diagnostiziert hatten, zerstört. Erst als die solchermaßen geschädigten Patienten erfolgreich Klagen gegen ihre Therapeuten führten und diese zu vielen Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt wurden, war es in den USA mit dieser Psychomode vorbei. (Hier die Story dazu: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8027513.html) – Hierzulande, wo zwei Schadensersatzklagen scheiterten, ist der Trend allerdings noch ungebrochen, wie etwa Foren ala „dis-sonanz.de“ zeigen, in denen dieser Irrsinn weiterhin gut gerührt wird.

    Was Ihre Geruchsempfindlichkeit angeht, so helfe ich mir zum Beispiel gegen den elenden Gestank billiger Parfums, gepanscht mit artifiziellen Aromen, dadurch, dass ich kostbare Parfums auf meine Handgelenke sprühe und mir dann zum Schutz vor die Nase halte. Auch, wenn ich unparfümiert unterwegs bin, trage ich öfters ein zedernes Riechkästchen mit einem Brocken Amberharz mit mir, auch das hilft, den Gestank zu lindern. Im übrigen leben wir dennoch in einer außergewöhnlich guten Zeit; denn noch vor 100 Jahren stanken unsere Städte dank schöner Rösser fürchterlich. – Nein, das Leben eines wirklich Hypersensiblen ist überwiegend ein einsames Leben.

  2. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar!

    Zur Geruchsbekämpfung: Geruch mit Geruch zu bekämpfen wird bei mir nicht funktionieren. Mir ist es am liebsten ich rieche gar nichts. Es sei denn, es handelt sich um leckeres Essen. Da ergänzen sich Geschmacks- und Geruchssinn.

    Das mit der Persönlichkeitsspaltung lese ich mir in Ruhe durch. Vielen Dank für den Link!

    Das mit dem einsamen Leben: Als ich noch alles mit Alkohol betäubt habe, war ich ein sehr geselliger Mensch. Das hat sich nun allerdings ein wenig verschoben. Ein Partymensch, wie ich es war, bin ich nicht mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.